Wurzelkanalstift

Wurzelkanalstifte werden zentrisch in ausreichend lange gerade Abschnitte der Wurzeln von devitalen, wurzelkanalgefüllten, klinisch und röntgenologisch unauffälligen Zähnen eingesetzt. Als Indikation für W. gelten starke  vertikale und horizontale Substanzverluste der klinischen Zahnkrone. Meist wird eine Ausführung des W. favorisiert, bei der er das (mittels Vorbohrern aufsteigenden Durchmessers) präparierte Stiftbett praktisch vollständig ausfüllt und der Dentinwand dicht anliegt. Der in der Wurzel befindliche Abschnitt des W. soll dabei mindestens so lang sein, wie die Kronenversorgung, dabei aber einige Millimeter der Wurzelkanalfüllung zur apikalen Abdichtung belassen. Vereinzelt wurden auch Konzepte mit glatten Metallstiften entwickelt, die den Zahn nach apikal überragten und im Knochen verankern sollten (transdentale Fixation).



Metallische Wurzelkanalstifte an 23 und 24 (Röntgenzahnfilme)


Eine Versorgung mit provisorischen Stiften ist wegen der erhöhten Bruch- und Reinfektionsrate selten sinnvoll, es sollte baldmöglichst ein definitiver W. eingebracht werden.

Herkömmliche konische (wurzelförmige) oder zylindrische W. bestehen meist aus Metalllegierungen. Konfektionierte W., etwa aus Stahl oder Titan sind selten glatt, sondern oft mit Schraubenwindungen zur Verankerung im Dentin und Abflussrille für konventionelle Befestigungszemente, sowie einem retentiven Kopf zum Stumpfaufbau versehen. Neben starren W. werden auch biegsame zur Anpassung an die koronale Anatomie angeboten.

Mit (oft aus EM-Legierungen) nach direkter Modellation im Wurzelkanal oder indirekt nach Abformung des Kanallumens (mit Hilfe ausbrennbar Stifte) gegossenen individuellen W. lassen sich auch Lumina mit ovalem oder unregelmäßigen Querschnitt ausfüllen, sowie zwei oder drei divergierende Kanäle mit je einem – ggf. durch die Aussparung eines anderen "durchgesteckten" Stift versehen. Auch die Stumpfaufbauten bzw. Stiftaufbau, oder sogar die gesamte Krone (historisch: Stiftkrone) können in das Werkstück integriert werden.

Bis etwa zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden W. (auch als  endodontische Stifte bezeichnet) noch als standardmäßig anzuwendende stabilisierende Verstärkungen eines wurzelkanalgefüllten, in aller Regel nachfolgend zu überkronenden Zahnes angesehen. Inzwischen ist gesichert, dass die Zahnsubstanz devitaler Zähne ebenso stabil wie die von vitalen ist. Ihre erhöhte Bruchanfälligkeit beruht nur auf mechanischer Schwächung durch Zahnsubstanzverlust, ein W. erhöht die Festigkeit also nicht.

Heute werden (um die verbleibende Zahnwand apikal nicht übermäßig zu schwächen) vor allem konische und (um keine Druck- oder Zugspannungen aufzubauen) glatte, rotationssymmetrische, W.  eingebracht. Sie bestehen häufig nicht mehr aus Metall, sondern seltener aus Kohlefaser oder Zirkoniumdioxid, meist aber aus Glasfaser-Harz-Verbundwerkstoffen. Damit eignen sie sich sehr gut für die vorherrschende adhäsive Verankerung im Wurzelkanal mittels Silanisierung und (aufgrund des erschwerten Lichtzutritts) möglichst chemisch oder dual-härtenden Adhäsiven und  Composite-Befestigungszementen. Die Hauptfunktion moderner W. ist die Vergrößerung der Retentionsfläche für ebenfalls adhäsiv an der Restzahnsubstanz (vor allem mit einem zirkulären Fassrand von vertikal ca. 2 mm) zu befestigenden Restaurationen. Die Faserstruktur bedingt aber auch eine gewisse Flexibilität, die der des Dentins entspricht und damit einerseits durch koronal wirkende Hebelkräfte erzeugten Rissen der Wurzel, andererseits Lockerungen ("Nagelzieheffekt") vorbeugt. Diese beiden Phänomene waren früher die Hauptursachen für den Verlust von Stiftversorgung.

Glasfaserstifte lassen sich relativ leicht entfernen, die Fasern wirken als Leitschiene für entsprechende rotierende Instrumente.